Spotlight On!

Inszenierung, Selbstdarstellung, Egozentrismus und Ich-Sucht sind Begriffe mit fadem Beigeschmack. Populärer denn je, doch deshalb nicht weniger unbeliebt, sind Menschen die sich jederzeit ins Rampenlicht drängen und ohne Rücksicht auf Verluste die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken versuchen.

Dabei ist ein gesundes Maß an Geltungsbedürfnis gesund und bedeutsam. Selbst- und Zielbewusstsein gilt im Alltag gar als erstrebenswert. Wer es versteht sich selbst zu verwirklichen und sich geschickt in Szene zu setzen, kann sich gemeinhin dem Ansehen als Karrierist mit hoher Selbstdisziplin und großer Integrität sicher sein.

Doch lohnt es sich bisweilen genauer hinzusehen. Ändern sich die Rahmenbedingungen, oder ballen sich oben genannte Persönlichkeiten an einem Ort, dann nehmen eben solche Eigenschaften teils abstruse Dimensionen an und potenzieren sich zu einem unbändigen Wust an überzogenen Eitelkeiten. Eben noch sympathische Charaktereigenschaften mutieren zu ausufernden narzisstischen Zügen, Selbstbewusstsein wird zu Arroganz und jedes noch so kleine Quentchen reflektierter Sichtweise verkümmert innerhalb kürzester Zeit zu einem Horizont mit dem Radius 0.

In meiner Reihe “soziokulturelle Lebensräume mit großem persönlichkeits-modifizierendem Potential” soll es heute schlicht um das Fitness-Studio* gehen.

Betrachtende wir uns an dieser Stelle einige Phänomene die mit der Lokalität in Verbindung stehen und ziehen Rückschlüsse:

Je größer der Bizeps, desto lauter die Geräuschkulisse.

Vorab: Komplexe Bewegungsabläufe und die damit verbundene Atemtechnik gehören untrennbar zusammen und sind essentiell beim Vorhaben die eigene Sportlichkeit zu verbessern.Das dass nicht geräuschlos passieren kann versteht sich von selbst.

Völlig unnötig aber ist es, bereits dann umfängliche akustische Signale von sich zu geben, wenn man sich nur auf die Hantelbank nur legt, ohne aber die Hantel überhaupt berührt zu haben.

Wird das Sportgerät dann in Bewegung gesetzt hat man als bis dahin teilnahmsloser Kunde nicht selten das Gefühl Zeuge einer leidenschaft-wilden Wildschweinbrunst zu werden.

Das was sich in diesem Moment phonetisch abspielt lässt sich in zwei Phasen unterteilen.

Erste Phase: Das Herabsetzen des Gewichts auf die Brust.

In dieser Phase gibt der der nach Aufmerksamkeit heischende Athlet Töne von sich die unweigerlich an geburtsvorbereitende Maßnahmen oder an die Druckluftbremsanlage eines Omnibusses erinnern.

Zu vernehmen ist ein „pfffffffff“ … oftmals auch in schnellen Intervall: „pff, pff, pff, pff“

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hat der Protagonist eine Vielzahl neugieriger Blick auf sich gelenkt (was, wie wir in Phase 2 feststellen, für ihn selbst einen praktischen Nutzen hat)

Phase 2: Das Gewicht in die Ausgangsposition bewegen.

Was nun kommt entscheidet über den Erfolg oder Misserfolg der Übung.

Nicht selten nämlich scheitert der Sportler daran, die Hantelstange wieder in die ursprüngliche Position zu befördern. Das hängt zum einen damit zusammen, dass es bei all den Athleten um einen herum keine Notwendigkeit mehr gibt sich anzustrengen (bevor einem die Stange auf dem Kopf fällt, stehen alle anderen zur Hilfe bereit), zum anderen überschätzen die meisten ihre Fähigkeiten und legen genau die 2 Kilogramm zu viel auf, die sie letztendlich zum scheitern bringen. Zu hören in diesem in diesem Moment eine langgezogene und gepresste Anreihung unterschiedlichster Vokale. Was eben noch an eine geburtsvorbereitende Maßnahmen erinnerte, ist nun jedenfalls der Entbindung sehr nahe.

Emanzi-was ?

Fitnessstudios sind wahre Zeitmaschinen. An keinem anderen Ort werden Meilensteine der westlichen Zivilisation und des modernen Bildungstums von jetzt auf gleich über Bord geworfen:

Frauen werden wieder zu Sammlerinnen, Männer zu Jägern, Paarungsbereitschaft wird beiderseits offen zur Schau gestellt und wer den Wettbewerb um die Gunst des anderen Geschlechts gewinnen will, muss auf Methoden zurückgreifen die man sonst nur in der Tierwelt der Serengeti beobachten kann.

Kurz: der Konkurrenzkampf ist enorm. In Anbetracht der zahlenmäßigen Unterlegenheit der Damen entscheiden häufig feine Nuancen über den Erfolg und die erfolgreiche Annäherung an das andere Geschlecht.

Das adulte weibliche Studiomitglied signalisiert seine Läufigkeit durch tiefe Dekolletés, möglichst wenig Sport und für den Sport ohnehin eher hinderliche aufwändige Turmfrisuren.

Bewegen sich eben diese Frauen dennoch zu den Sportgeräten kann es hierfür nur wenige Gründe geben: 1. sie wissen nicht wie der Hase läuft und haben meinen Blog nicht gelesen 2. Sie wollen tatsächlich trainieren (eher unwahrscheinlich) 3. sie bedienen sich der angewandten Methode „Hilflosigkeit an Geräten simulieren damit Männer ihren Beschützerinstinkt ausspielen und den Damen das Gerät erklären können“

Methode 3 ist praktikabel, wird aber selten angewandt. In der Regel stellt sich das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Männer und Frauen so dar, dass es gar nicht von Nöten ist eigeninitiativ zu werden.

Vertreter des männlichen Geschlechts haben mannigfaltige Möglichkeiten auf sich aufmerksam zu machen und das Interesse ihres sexuellen Pendants zu wecken.

1. Speck kaschieren, Filet präsentieren!

Den Körper in seine Gänze zu trainieren ist überflüssig und eine Verschwendung eigener Ressourcen. Zieht man sich entsprechend an, reicht es völlig die Arme zu trainieren. Ein Tanktop ist hierfür nicht nur zweckmäßig sondern ungemein praktisch; Benebelt vom Dunst des eigenen Hormonüberflusses wird sich die Frau gewiss nicht die Mühe machen reflektiert über den Gesamtzustand des vor ihr befindlichen männlichen Körpers nachzudenken sondern greift blind zu und gibt sich der Illusion hin. (vergleiche hier: Darwins „survival of the fittest“

2. Konkurrenten einschüchtern

Konkurrenz belebt das Geschäft, treibt aber die Prozedur der Brunft in ungeahnte Dimensionen. Um Mitstreiter auszuschalten oder wenigstens einzuschüchtern empfiehlt es sich an den Geräten ganz besonders laut zu stöhnen und das Trainingsgewicht möglichst weit über dem anzusiedeln, was man tatsächlich bewegen kann.

3.Von Anfang an für klare Verhältnisse sorgen

Um gar nicht erst den Verdacht aufkommen zu lassen homosexuelle Tendenzen zu unterliegen, sollte man ebenfalls darauf achten die Kommunikation zu den männlichen Mitbewerbern auf ein Mindestmaß zu begrenzen. Übertriebene Höflichkeit und allzu nette Worte, können bei der Damenwelt schließlich missinterpretiert und im schlimmsten Fall zum Ausschlusskriterium werden. Im übrigen hat ein echter Mann (laut soziokultuereller-Fitnessstudio-Interpretation) ohnehin nur wenige und rudimentäre Funktionen: stark sein und die Frau beschützen/mit Nahrung versorgen können.

4.Du bist was Du isst … oder trinkst

Frauen denken perspektivisch. Sie möchten keinen Mann der nur im Moment der Begattung ihren optischen Vorstellungen entspricht. Was zählt ist die körperliche Konstitution in der Gegenwart UND in der Zukunft um langfristig für die Familie sorgen zu können.

Um den Trainingseifer und die guten Absichten für die Zukunft zu dokumentieren empfiehlt es sich daher die Ernährung anzupassen (Selbstverständnis nur in Anwesenheit der Frauen. Auf das obligatorische hochkallorische Feierabendbier sollte natürlich niemand verzichten müssen.)

Eiweißshakes und Kreatinpräparate sind hierfür prädestiniert. Das vermeintliche Wundermittel darf gerne auch in abstrusen Farben zu sich genommen werden. Je bunter desto besser (siehe hier: zoologische Parallelen zum Paarungsverhalten buntgefiedeter Pfauenmännchen).

Giftgrüne Getränke drücken aus: „ich bin bereit mein Leben für meine Figur und für die Damenwelt zu riskieren“. Rot hingegen steht für Leidenschaft und Liebe (als subtiler Hinweis auf großer sexuelle Aufgeschlossenheit).

Fittikette!**

Während der Umgang zwischen den Männern im Studio durch eine gewisse Unverbindlichkeit und Kürze geprägt ist, darf der zwischengeschlechtliche verbale Austausch durchaus inniger und emotionaler sein.

An diesem Punkt zeigt sich das schauspielerische Talent sowohl der Männer als auch der Frauen.

Im folgenden drei Dialoge die ich so, oder so ähnlich bisher schon im Fitnessstudio aufschnappen konnte.

Dialog 1 „Mann Frau“

Ein vor Testosteron und billigen Anabolika nur so strotzender Mann (hier: Ergün) zu seinem Trainingspartner in unmittelbarer Nähe:

„Alter, die Weiber kotzen mich an. Alles was für die zählt sind ihre dicken Titten. Keine achtet mehr auf ihren Körper. Ist bei meiner Alten genauso. Und dann beschwert sie sich das ihr der Rücken wehtut.“

Wenig später trifft eben dieser Muskelmann auf eine freizügige, kaffee-schlürfende Blondine mit augenscheinlich hohen Kunstanteil im Dekolleté-Bereich.

Sie – nennen wir sie der Einfachheit halber Jennifer – mit den Augen klimpernd : “Ey Isch WILL ja mehr machen. Aber mit tut mein Rücken so weh. Isch kann misch kaum bewegen.“

Er, sichtlich von der Oberweite seiner Gesprächspartnerin beeindruckt: „Das verstehe ich total. Ich würde Dich gerne mal massieren, vielleicht geht es Dir dann besser!“

Sie: „Du kennst Dich doch aus mit Training und so. Kann isch denn nix machen damit das nischt mehr weh tut?“

Er: „Nein. Das ist eine Verspannung. Da hilft nur Hand anlegen“

Dialog 2 „Mann Mann“

Ergün: „Alter, ich hab voll den Pump in den Muskeln.“

Umut: „Ja man, du bist voll krass geworden. Hast Du irgendwas genommen?“

Ergün: „Nein Mann, echt nicht. Ist alles echt. Hier, fast mal meine Brüste an. Voll der Pump, Alter!“

Umut: „Alter, ich will nicht deine Brüste anfassen, ich bin doch nicht schwul man!“

Dialog 3 „Frau Frau“

An der Theke sitzend.

Jaqueline: „Man, das ist voll schlimm was so auf der Welt passiert. Voll viel Armut und Hunger und so“

Jennifer: „Ja, total. Isch habe gestern BILD gelesen und war total voll mit schlimmen Bildern und so. Voll traurig.“

Jaqueline: „Ja, hab ich auch gesehen. Aber war super Aldi-Prospekt drin. Mit super Angeboten und so. Hast Du gesehen?“

Jennifer: „Ja, voll cool. Hab isch gesehen. Aber mag ich nischt. Sind immer voll viele Assis und Loser drin. Die stinken und haben nischt mal richtige Klamotten und so. Da geh isch lieber zu Rewe oda so“

Fazit

Das Fitnessstudio in seiner Ur-Form als Rückzugsort intellektueller Inkontinenter zu bezeichnen wäre sicher überzogen. Nichtsdestotrotz bieten nur noch wenige Lokalitäten die Biosphäre, die nötig ist, um den eher trieborientiertem Klientel als Rückzugsort und Wohlfühlstätte zu dienen.

Das einem das FItnessstudio in seiner Funktion als Muckibude dies ermöglicht, mag mannigfaltige Gründe haben.

Ein zentrales Element in diesem Zusammenhang scheint sicher die bloße Funktion des Muskelaufbaus sein. Den Umfang des eigenen Bizeps zu vergrößern ist schließlich sicher eine anstrengende und zeitaufwändige Arbeit. Eines allerdings erfordert sie nicht: Intelligenz.

*Die Rede ist hier nicht von einem Fitnessstudio mit Reha-Charakter und Klientel mit Rheuma-Hintergrund. Gemeint ist ein Muckibude. Mit ganz vielen Typen die He-Man nacheifern (kennt den noch jemand?)

** Kunstwort aus „Fitnessstudio“ und „Etikette“

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